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Grün, soweit das Auge reicht. Die Landschaft wechselt zwischen endlosen Reisfeldern mit hohen Palmen, an denen die Kokosnüsse Südindiens reifen und simplen Dörfern, wo einheimische Frauen bunte Wäsche waschen und Papadam, ein für südindien typischer Fladen aus Linsenmehl, auf offenem Feuer zubereiten.

 

Stephen Farell ist unser Guide auf der Fahrradtour durch die Dörfer und wunderschöne Landschaft der Insel Shrirangapattana, die sich etwas ausserhalb von Mysore befindet, das er bereits seit neun Jahren sein Zuhause nennt. Mysore ist eine für Indien mittelgrosse Stadt im Staat Karnataka, ungefähr drei Autostunden von Bangalore entfernt.

“This house is more than 500 years old and is built from natural materials which help to keep the rooms as cool as possible and prevent the rain from entering the house during monsoon. Unfortunately, the government wants to modernize this place in providing the locals with other materials in order to build bigger houses with a flat roof where they can also fit in a gas stove and an attached toilet.” Stephen erklärt uns, dass diese Betonbauten jedoch für das wechselhafte Klima nicht geeignet sind, weil sie sich zu stark aufheizen. Zudem geht es vielerorts zu sehr um Modernisierung antstatt darum, wertvolle Traditionen zu erhalten.

Von Yorkshire nach Mysore oder wie Storytelling in Indien funktioniert

“I’d fallen in love with India and its people fifteen years ago, after what seemed a lifetime of wanting to get here. I was lucky to get work travelling to India to organize events promoting CSR and designing and delivering leadership training.” Stephen’s Liebe für Indien ist gross, doch umso grösser ist seine Liebe zu Manjula, seine Ehefrau. Sie haben sich in Mysore kennengelernt und vor sieben Jahren gemeinsm MYCycle tours und das Mysore Bed and Breakfast gegründet, in dem ich mit meiner Reisetruppe nun für zwei Tage Gast sein darf.

Ursprünglich von Yorkshire ist Stephen mit einem ausgeprägten britischen Humor gesegnet, den er, meist zu unserem Vergnügen, schamlos in all seine Erzählungen einbaut. Zudem ermöglicht ihm seine Nationalität, das Leben hier von einer Aussenperspektive zu betrachten und der facettenreichen Kultur und Geschichte des Landes auf den Grund zu gehen. Seine Erkenntnisse teilt er mit Menschen, die das exotische Indien bereisen und hilft ihnen dabei, es besser kennenzulernen und zu verstehen. “The thing that has always fascinated me throughout the development of human beings is their ability to tell stories and to gain trust through them and to develop relationships based on a common and shared understanding.”

Das Schaffen von nachhaltigen Beziehungen, Teambuilding und effektive Kommunikation sind Fähigkeiten, welche Stephen sich während seiner Karriere als Coach in Leadershiptrainings angeeignet und gelehrt hat und welche ihm beim Aufbau und Führen von Mysore B&B und MYCycle tours zugute kommen. “I’ve always been good at drawing people to me and creating teams so that they can actually complement and fill each other’s gaps. That’s exactly what I do here, too. We’ve got people working at the house, we’ve got drivers and we’re also involved in some charity projects through donating food and clothing to an elderly people’s home.”

Dass sich Stephen in diesem oft chaotischen und kontrastreichen Land so schnell einleben konnte, hat er unter anderem ganz klar seiner Ehefrau Manjula zu verdanken. Sie war die Brücke zwischen den beiden Kulturen und trug mit ihrem lokalen Know-how, der Sprache und ihrem Netzwerk zum erfolgreichen Aufbau des Unternehmens bei.

The consistent inconsistency of India

Auch in einem Land, das Unvorsehbarkeit nur als Vorname trägt und in dem ein geordnetes Chaos herrscht, zeichnen sich Trends einer funktionierenden Marktwirtschaft ab. In den ländlichen Regionen, in denen sich die Infrastruktur immer mehr entwickelt, stehen Statussymbole wie ein Gasherd oder ein Auto für Wohlstand. Zudem ziehen immer mehr Menschen aus ländlichen Gebieten zu Ausbildungszwecken oder einer besseren Arbeit wegen in die Stadt. Gleichzeitig besteht in anderen Landesteilen die Tendenz, von der Stadt wieder auf das Land zu ziehen und einen Beruf auszuüben, der einen erfüllt und der eine bessere Work-Life-Balance ermöglicht.

Stephen’s Begründung für das hohe Mass an Flexibilität, welche in diesem Land an den Tag gelegt wird, ist die schier unfassbare Anzahl an Göttern, welche den Hinduismus prägen. Deren immense Vielfalt sowie die Art und Weise, mit welcher sie angebetet werden können sowie die unzähligen Geschichten, die ihrer Entstehung und Namensgebung zugrunde liegen, schlägt sich im Alltag vieler Hindus nieder.

Während im Christentum oder in vielen anderen Religionen relativ strikte Regel für deren Praxis gelten und sich im Alltag das Implizite meist mit dem Expliziten deckt, besteht im Hinduismus oft eine grosse Diskrepanz zwischen diesen Konzepten. Dies macht es für Aussenstehende oft schwierig, die in der Praxis geltenden Muster zu identifizieren und sie als die Norm zu akzeptieren, welche über scheinbar definierten Regeln und Gesetzen steht. Nehmen wir als Beispiel Indiens Strassenverkehr. Geltende Verkehrsregel wäre, an einer Kreuzung anzuhalten, um dann nach links und rechts zu schauen, bevor man in die Kreuzung reinfährt. Trotz dieser expliziten Regelung hält sich niemand daran, aber es funktioniert, da sich alle Verkehrsteilnehmenden des Landes des entsprechenden Verhaltens implizit bewusst sind. Diese impliziten Tücken waren für mich Grund genug, mich hier nicht hinter das Steuer zu wagen ;)

Stephens Kommentar dazu: “After 9 years of living in this place, I can say that India is consistently inconsistent. You have to be exceptionally adaptable and flexible as things won’t work out the way you expect them to work out which pushes you out of your comfort zone in many different ways.”

Stephen & Manjula aus Mysore

Auf dem Rückweg unserer Fahrradtour zum B&B kommen wir am palmengesäumten Reisfeld vorbei, auf dem Manjula und Stephen vor etwas mehr als einem Jahr geheiratet haben. Manjula starb im Frühling dieses Jahres und hinterlässt eine grosse Lücke. Stephen schreibt momentan ihre gemeinsame Geschichte nieder, welche auf Daten aus Video- und Tonaufnahmen sowie aus seinem grossen Erinnerungsschatz ihrer gemeinsamen Zeit beruht. “Manjula lives on in our hearts and we carry on her spirit of a true giver who makes people coming here see why India is so different from the place they’re from by being a bridging point to help them better connect with the local people and their culture.”

Jasmin Zihlmann

Jasmin Zihlmann

Master of Arts ZHAW in Mehrsprachiger Kommunikation und Organisationskommunikation